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FGM gross

WEIBLICHE GENITALBESCHNEIDUNG (FGM/C)

Eine schwere Menschenrechtsverletzung

Mehr als 200 Millionen Frauen weltweit sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von der weiblichen Genitalbeschneidung – international als FGM/C (Female Genital Mutilation oder Cutting) bezeichnet – betroffen. Zudem sind schätzungsweise mehr als drei Millionen Mädchen davon bedroht, beschnitten zu werden. An den körperlichen und seelischen Folgen leiden viele Frauen ein Leben lang.

… auch im Rhein-Main-Gebiet

Weibliche Genitalbeschneidung wird in 30 Staaten praktiziert, überwiegend in Afrika, aber auch in einigen Ländern des Mittleren Ostens und Asiens sowie in geringer Zahl in lateinamerikanischen Ländern. Im Zuge der Migration wird die weibliche Beschneidung in die Einwanderungsländer getragen.

Aufgrund großer Einwanderergruppen aus Ländern, in denen FGM/C praktiziert wird, gibt es viele betroffene Frauen und potentiell gefährdete Mädchen im Rhein-Main-Gebiet. Laut Schätzungen sind in Deutschland rund 48.000 Mädchen und Frauen von FGM betroffenen. Weitere 6.000 Mädchen sind akut gefährdet, Opfer zu werden. Weitere Informationen sind in der 2017 veröffentlichten Studie zu weiblicher Genitalbeschneidung in Deutschland zu finden.

Die kritische Bearbeitung des Themas FGM/C ist in den betreffenden Communities regelmäßig mit einem Tabu belegt. Auch in
Deutschland verhindern vielfach Unkenntnis und fehlende Sensibilisierung eine adäquate Unterstützung der Betroffenen und wirksame Prävention. Hier setzt die Arbeit von FIM gegen die weibliche Beschneidung an.

Prävention, Beratung und Unterstützung

Was sind die Ziele der Arbeit gegen FGM/C?

Enttabuisierung und Prävention

Zentrales Anliegen ist es, mittels Aufklärung und Bildungsarbeit das Thema FGM zu enttabuisieren und hier lebende Mädchen vor einer Beschneidung zu schützen – sowohl in Europa als auch im Herkunftsland. Denn konkret gefährdet sind einige Mädchen oft bei einem Urlaub im Heimatland der Eltern.

Neben Informations- und Diskussionsveranstaltungen in und mit Migranten/innencommunities setzt sich FIM mit Öffentlichkeitsarbeit und Fachgesprächen, z.B. in Familien- und Jugendhilfeeinrichtungen und an Schulen, gegen FGM ein.

Beratung und Unterstützung

Bei FIM finden betroffene Frauen kultursensible Beratung und psychosoziale Unterstützung. Bei Bedarf kooperiert FIM mit einem interdisziplinären Hilfsnetzwerk von Ärzten/innen und Therapeuten/innen, um eine gute medizinische und psychologische Betreuung betroffener Mädchen und Frauen zu ermöglichen. FIM arbeitet mit speziell zu FGM/C qualifizierten Gynäkologen/innen zusammen und kann die medizinische Versorgung bis hin zu plastischen Operationen begleiten.

Empowerment von Migranten/innen-Communities zur Überwindung von FGM/C

  • Die afrikanische Frauengruppe bei FIM bringt Frauen aus verschiedenen afrikanischen Herkunftsländern zusammen und fördert deren Vernetzung, Austausch und Empowerment. In monatlichen Treffen wird u.a. über Gesundheit, Sexualität, Familie und Geschlechtergerechtigkeit diskutiert. FGM/C ist kein Tabu mehr!
  • Nur wenn tradierte Familien- und Gesellschaftsstrukturen von allen Beteiligten kritisch hinterfragt werden, kann die überkommene Praxis der Genitalbeschneidung überwunden werden. Daher bindet FIM auch Männer in das Engagement für das Recht eines jeden Menschen auf körperliche Unversehrtheit mit ein.
  • Multiplikatoren/innen aus verschiedenen afrikanischen Herkunftsländern kooperieren mit FIM und werden bei der Entwicklung und Umsetzung von Projekten zu Integrations- und Menschenrechtsthemen in ihren Communities unterstützt.

Mehr Informationen über den dreijährigen Projektschwerpunkt von FIM zur Überwindung der weiblichen Genitalbeschneidung finden Sie im Abschlussbericht des Projekts

Hintergründe und Fakten

Weltweit sind mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen von der schweren Menschenrechtsverletzung der weiblichen Genitalbeschneidung betroffen. Weibliche Beschneidung umfasst nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) alle Eingriffe, bei denen die äußeren weiblichen Genitalien teilweise oder ganz entfernt werden bzw. aus nicht-medizinischen Gründen anderweitig verletzt werden.

Weibliche Genitalbeschneidung wird traditionell in 29 Ländern Afrikas und des Nahen Ostens praktiziert. Der gesamte Sahelgürtel ist betroffen: von Somalia, Äthiopien, dem Sudan über den Tschad, Niger, Nigeria, Mali bis in den Senegal. Auch Ägypten zählt dazu, nicht aber die maghrebinischen Staaten.

Die weibliche Genitalbeschneidung findet in der Regel vor der Pubertät statt. Der Eingriff wird zumeist ohne Narkose und unter schlechten hygienischen Bedingungen von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt. Neben der Entfernung der Klitoris werden zum Teil die inneren Schamlippen abgetrennt und – bei der extremsten Form – zusätzlich die äußeren Schamlippen ausgeschabt und bis auf eine winzige Öffnung zugenäht (Infibulation).

Die Genitalbeschneidung führt in vielen Fällen zu hohen Blutverlusten, Schock, Tetanus und Infektionen, in einigen Fällen zum Tod. Zu den möglichen langfristigen Folgen zählen extrem erschwerte und verlängerte Geburtsverläufe, chronische Infektionen und Schmerzen sowie Unfruchtbarkeit. Manche Frauen leiden unter Traumata oder Depressionen.

Vielfältige rechtliche, politische und soziale Anstrengungen zur Beendigung von FGM/C sowohl auf internationaler Ebene als auch in den betroffenen Ländern haben dazu geführt, dass die Prävalenz in den meisten Ländern in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist. Auch unterstützen mehr und mehr Menschen in Prävalenz-Communities die Abschaffung der Praktik. Dennoch sind in Afrika noch schätzungsweise drei Millionen Mädchen jährlich von der weiblichen Genitalbeschneidung bedroht.

In allen Staaten der Europäische Union ist die weibliche Genitalbeschneidung als Verletzung der körperlichen Unversehrtheit eine Straftat. Im Juni 2013 hat der Deutsche Bundestag die Einführung eines eigenen Straftatbestandes für FGM beschlossen (StGB 226a) und die Höchststrafe auf 15 Jahre Haft heraufgesetzt.

Warum findet FGM statt?

Die Gründe sind vielschichtig. Sie umfassen kulturelle, religiöse und soziale Faktoren, die von Region zu Region, von Ethnie zu Ethnie und von Community zu Community variieren können. Fakt ist, dass FGM Teil einer tief verwurzelten Tradition ist, die ursprünglich einen Initiationsritus in das Erwachsenenalter darstellte und mit einem Fest verbunden war.

Heute ist soziale Akzeptanz nach Angabe der WHO der am häufigsten genannte Grund, warum an der Praxis festgehalten wird. Der soziale Druck zu tun, was alle tun und was schon immer gegolten hat, und die Furcht, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden und zum Beispiel als unbeschnittene Frau keinen Ehemann zu finden, sind stark.

Die weibliche Genitalbeschneidung findet in patriarchalisch geprägten Kulturen statt. Die Praktik trägt dazu bei, Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern zu festigen, männliche Vormachtstellungen zu sichern und die Freiheitsrechte von Frauen einzuschränken.

Wie gelingt Aufklärung ohne zu stigmatisieren?

FGM ist ein schwieriges Thema. Nicht nur, weil es weithin tabuisiert ist. Die Schwierigkeit liegt auch darin, dass gefährdete Mädchen nur geschützt werden können, wenn ihre Familien davon überzeugt sind, dass es sich bei der weiblichen Genitalbeschneidung um eine schwere Menschenrechtsverletzung mit oft sehr ernsten gesundheitlichen und psychischen Folgen handelt. Da die Mütter und Großmütter der potentiell gefährdeten Mädchen aber selbst beschnitten sind, besteht die Gefahr, dass sie sich durch eine – wie es häufig geschieht – extrem dramatisierende Darstellung von FGM stigmatisiert, ja als verstümmelt gebrandmarkt fühlen. Die Folge ist dann, dass sie sich gegenüber der Aufklärung zu FGM von vornherein verschließen und menschenrechtliche Anliegen als Angriff auf ihre Kultur und Werte deuten.

FGM wurde und wird in den betreffenden Ethnien durchgeführt, um tief verankerte Werte und Traditionen zu wahren. Die Veränderung des Verhaltens Einzelner und der jeweils zugrundeliegenden Überzeugung erfolgt mit dem Erkennen, Zulassen und Wollen von gesellschaftlichen Transformationsprozessen, die neue Werte, Traditionen und Riten hervorbringen.

Die Überwindung von FGM kann nur über eine veränderte Wertekultur erfolgen, die gesamtgesellschaftliche und genderspezifische Bereiche umfasst. Dieser Prozess erfolgt nicht von außen, sondern von innen; er kann nachhaltig nur gemeinsam mit den betreffenden ethnischen Communities gelingen.

In vielen Gesprächen mit Community-Vertretern/innen wurde deutlich, dass es nicht einfach ist, das Thema FGM in ihren Netzwerken auf die Agenda zu setzen. Gemeinsam wurde eine niedrigschwellige, kultursensible Herangehensweise entwickelt. Die Abschaffung von FGM ist verknüpft mit dem Recht eines jeden Menschen auf körperliche Unversehrtheit und dem Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung. Jede kritische Bearbeitung von gesellschaftlichen Strukturen, die FGM fördern, wird daher Macht- und Beziehungsgeflechte zwischen den Geschlechtern mit einbeziehen.

Erfahrungsbericht einer betroffenen Frau

Betroffene von FGM und Communities, in denen die Praktik ausgeübt wird, belegen diese mit einem gesellschaftlichen Tabu. Einzelne Frauen haben jedoch angefangen zu sprechen. Bereits 1980 schrieb die ägyptische Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Ärztin Nawal el Saadawi in ihrem Buch „Tschador. Frauen im Islam“ Folgendes über ihre eigene Beschneidung:

„Ich war damals sechs Jahre alt. In jener Nacht lag ich friedlich in meinem warmen Bett, wohlig zwischen Wachen und Schlafen, während zarte Kinderträume, rasch wie mit Elfenflügeln an mir vorbeihuschten. Unter den Decken fühlte ich eine Bewegung – als ob eine riesige Hand, kalt und grob, meinen Körper suchend abtastete. Und fast im selben Augenblick legte sich eine andere Hand, groß und kalt und grob wie die erste, über meinen Mund, um mich am Schreien zu hindern.

Sie trugen mich ins Badezimmer; ich weiß nicht, wie viele es waren, ob Männer oder Frauen, und ich kann mich an ihre Gesichter nicht erinnern. Die Welt erschien mir in einen dunklen Nebel getaucht, so dass ich nichts erkennen konnte – vielleicht hatte man mir auch irgendwie die Augen verbunden. Ich weiß nur noch, daß ich Angst hatte, daß sie zu vielen waren und daß meine Hände, Arme und Beine in einen eisernen Griff gerieten, der jeden Widerstand und jede Bewegung unmöglich machte. Unter meinem nackten Körper spürte ich die eiskalten Fliesen des Badezimmers. Gelegentlich wurde die Vielfalt von Geräuschen und unbekannten Stimmen unterbrochen von einem metallischen Schaben, das mich daran erinnerte, wie ein Schlachter sein Messer schärft, wenn er zum "Eid’-Fest ein Schaf schlachtet.

Mir erstarrte das Blut in den Adern – gewiß waren Diebe in mein Zimmer eingedrungen und hatten mich aus dem Bett geraubt. Nun waren sie dabei, mir die Kehle durchzuschneiden – genau so erging es unartigen Mädchen wie stets in den Geschichten, die meine alte Großmutter so gerne erzählte.

Als es plötzlich aufhörte, war mir, als bliebe auch mir das Herz stehen. Ich konnte nichts sehen und irgendwie hatte ich aufgehört zu atmen. In meiner Vorstellung kam das Ding, von dem das schabende Geräusch ausging, immer näher – jedoch nicht, wie ich erwartet hatte, an meine Kehle, sondern eher zu einem anderen Teil meines Körpers hin: irgendwo tief am Unterleib, wie auf der Suche nach etwas, das zwischen den Schenkeln verborgen lag. In diesem Moment wurde mir erst bewußt, daß man mir die Oberschenkel weit auseinandergebogen hatte, daß Finger wie aus Stahl meine beiden Beine gepackt hielten und sie, ohne nachzulassen, so weit wie möglich spreizten. Ich fühlte das gewetzte Messer, die Klinge direkt auf meiner Kehle niederstoßen – doch dann fuhr eine stählerne Schneide mit einem Mal zwischen meine Schenkeln und schnitt ein Stück Fleisch aus dem Körper.

Trotz der Hand, die fest über meinen Mund geschlossen war, schrie ich vor Schmerz – denn dies war nicht ein gewöhnlicher Schmerz, sondern eine sengende Flamme, die durch meinen ganzen Körper schoß. Einige Augenblicke später blickte ich auf meine Hüften und sah sie in einer roten Lache von Blut. Was man mir vom Körper geschnitten hatte, wußte ich nicht – ich wollte es auch nicht wissen. Ich weinte nur und rief um Hilfe nach meiner Mutter. Der schlimmste Schock kam, als ich mich umsah und merkte, daß sie neben mir stand. Ja, sie war es, in voller Lebensgröße – es konnte keinen Zweifel geben. Mitten zwischen diesen Fremden stand sie, sprach mit ihnen und lächelte sie an, als habe sie nicht eben erst an der Abschlachtung ihrer Tochter teilgenommen.

Man brachte mich zu Bett. Ich sah, wie sie meine zwei Jahre jüngere Schwester packten – genau in der gleichen Weise, wie sie mich vor wenigen Minuten ergriffen hatten. Ich schrie: Nein! Nein! so laut ich konnte. Zwischen den großen, groben Händen sah ich das Gesicht meiner Schwester – totenbleich, die dunklen Augen weit aufgerissen. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Blicke; ich werde den Ausdruck namenlosen Schreckens in ihren Augen nie vergessen. Im nächsten Moment war sie fort – hinter der Tür des Badezimmers verschwunden, wo ich gerade erst gewesen war. Der Blick, den wir getauscht hatten, schien mir zu sagen: "Nun wissen wir es; nun wissen wir, worin unsere Tragödie besteht. Wir sind mit einem besonderen Geschlecht, dem weiblichen, zur Welt gekommen. Wir sind verurteilt, einen Vorgeschmack des Leidens zu bekommen: kalte, fühllos grausame Hände reißen uns ein Stück unseres Körpers aus."

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