Beratungs- und Informationszentrum für Migrantinnen und ihre Familien
Betroffene von FGM und Communities, in denen die Praktik ausgeübt wird, belegen diese mit einem großen gesellschaftlichen Tabu. Einzelne Frauen haben jedoch angefangen zu sprechen. In Büchern haben sie sich ihr Schicksal von der Seele geschrieben. Neben Waris Dirie in „Wüstenblume“ und Fadumo Korn in „Geboren im großen Regen“ schrieb bereits 1980, wohl als eine der ersten Betroffenen, die ägyptische Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Ärztin Nawal el Saadawi in ihrem Buch „Tschador. Frauen im Islam“ Folgendes über ihre eigene Beschneidung:
„Ich war damals sechs Jahre alt. In jener Nacht lag ich friedlich in meinem warmen Bett, wohlig zwischen Wachen und Schlafen, während zarte Kinderträume, rasch wie mit Elfenflügeln an mir vorbeihuschten. Unter den Decken fühlte ich eine Bewegung – als ob eine riesige Hand, kalt und grob, meinen Körper suchend abtastete. Und fast im selben Augenblick legte sich eine andere Hand, groß und kalt und grob wie die erste, über meinen Mund, um mich am Schreien zu hindern.
Sie trugen mich ins Badezimmer; ich weiß nicht, wie viele es waren, ob Männer oder Frauen, und ich kann mich an ihre Gesichter nicht erinnern. Die Welt erschien mir in einen dunklen Nebel getaucht, so dass ich nichts erkennen konnte – vielleicht hatte man mir auch irgendwie die Augen verbunden. Ich weiß nur noch, daß ich Angst hatte, daß sie zu vielen waren und daß meine Hände, Arme und Beine in einen eisernen Griff gerieten, der jeden Widerstand und jede Bewegung unmöglich machte. Unter meinem nackten Körper spürte ich die eiskalten Fliesen des Badezimmers. Gelegentlich wurde die Vielfalt von Geräuschen und unbekannten Stimmen unterbrochen von einem metallischen Schaben, das mich daran erinnerte, wie ein Schlachter sein Messer schärft, wenn er zum "Eid’-Fest ein Schaf schlachtet.
Mir erstarrte das Blut in den Adern – gewiß waren Diebe in mein Zimmer eingedrungen und hatten mich aus dem Bett geraubt. Nun waren sie dabei, mir die Kehle durchzuschneiden – genau so erging es unartigen Mädchen wie stets in den Geschichten, die meine alte Großmutter so gerne erzählte.
Als es plötzlich aufhörte, war mir, als bliebe auch mir das Herz stehen. Ich konnte nichts sehen und irgendwie hatte ich aufgehört zu atmen. In meiner Vorstellung kam das Ding, von dem das schabende Geräusch ausging, immer näher – jedoch nicht, wie ich erwartet hatte, an meine Kehle, sondern eher zu einem anderen Teil meines Körpers hin: irgendwo tief am Unterleib, wie auf der Suche nach etwas, das zwischen den Schenkeln verborgen lag. In diesem Moment wurde mir erst bewußt, daß man mir die Oberschenkel weit auseinandergebogen hatte, daß Finger wie aus Stahl meine beiden Beine gepackt hielten und sie, ohne nachzulassen, so weit wie möglich spreizten. Ich fühlte das gewetzte Messer, die Klinge direkt auf meiner Kehle niederstoßen – doch dann fuhr eine stählerne Schneide mit einem Mal zwischen meine Schenkeln und schnitt ein Stück Fleisch aus dem Körper.
Trotz der Hand, die fest über meinen Mund geschlossen war, schrie ich vor Schmerz – denn dies war nicht ein gewöhnlicher Schmerz, sondern eine sengende Flamme, die durch meinen ganzen Körper schoß. Einige Augenblicke später blickte ich auf meine Hüften und sah sie in einer roten Lache von Blut. Was man mir vom Körper geschnitten hatte, wußte ich nicht – ich wollte es auch nicht wissen. Ich weinte nur und rief um Hilfe nach meiner Mutter. Der schlimmste Schock kam, als ich mich umsah und merkte, daß sie neben mir stand. Ja, sie war es, in voller Lebensgröße – es konnte keinen Zweifel geben. Mitten zwischen diesen Fremden stand sie, sprach mit ihnen und lächelte sie an, als habe sie nicht eben erst an der Abschlachtung ihrer Tochter teilgenommen.
Man brachte mich zu Bett. Ich sah, wie sie meine zwei Jahre jüngere Schwester packten – genau in der gleichen Weise, wie sie mich vor wenigen Minuten ergriffen hatten. Ich schrie: Nein! Nein! so laut ich konnte. Zwischen den großen, groben Händen sah ich das Gesicht meiner Schwester – totenbleich, die dunklen Augen weit aufgerissen. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Blicke; ich werde den Ausdruck namenlosen Schreckens in ihren Augen nie vergessen. Im nächsten Moment war sie fort – hinter der Tür des Badezimmers verschwunden, wo ich gerade erst gewesen war. Der Blick, den wir getauscht hatten, schien mir zu sagen: ‚ Nun wissen wir es; nun wissen wir, worin unsere Tragödie besteht. Wir sind mit einem besonderen Geschlecht, dem weiblichen, zur Welt gekommen. Wir sind verurteilt, einen Vorgeschmack des Leidens zu bekommen: kalte, fühllos grausame Hände reißen uns ein Stück unseres Körpers aus."